Maschinengedicht #3

die Bewölkung mit Leere,
das Fieber ohne Missgunst,
die Morgenluft nach dem Achselzucken,
der Kampfgeist vor dem Schmollwinkel,
der Nebel inklusive Ekel,

das bist DU, haargenau DU.

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Zum Abschied eines Führers

Der Sack fällt um,
die Maske reißt herunter.
Das Gelb fließt ab vom weißen Ei,
es ist vorbei.

Jetzt trennt sich die Spreu,
der Weizen bleibt zurück.
Ein Weizen frisch gezapft.
Die Presse wird es nun,
dem prototypisch Deutschen ähnlich tun.
Sie trinkt es aus mit einem Schluck.
Hauruck.

Der Manne Lutz ist nah am Bach gebaut,
eine neue Hetze wird jetzt laut.
Die Distanz ist plötzlich nah.
Und Bertold Brecht er steht in Flammen.
Hauruck, vorbei. Verdammen.

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Heinz Goldt

Gestern war ich im Greifswalder Stadttheater. Dort sah ich den hochgepriesenen Max Goldt vor rotem Bühnensaum. Man kommt gleich ins feinsinnige Formulieren, bzw. möchte man es versuchen, wenn man diesem rundlichen Mann lauscht. Oder besser: wenn man seinem runden Munde Worte in akustischer Form abgewinnt. Ich bin sicher, er würde allein in diesem Satz zwei oder drei Bedeutungsfehler oder falsche Verwendungen finden, die ich natürlich mit ABSICHT, der KUNST wegen, einbaute.

Ich saß also da, 19.30 Uhr, mit einer Handvoll Leuten, vielleicht 100 - 120 an der Stückzahl. Es waren hauptsächlich Menschen zwischen 22 und 60, aber auch einen Mann mit sehr weißem Haar konnte ich wahrnehmen. Max Goldt trat auf eine Bühne, auf der nichts weiter stand, als ein Tisch und auf diesem drei Flaschen Wasser, ich glaube mit Kohlensäure. Er stellte sich kaum vor, sagte "Hallo" oder etwas derartiges, erklärte seine Bühnenprozedere und begann seinen ersten Text, der in einem Zugabteil begann und irgendwo bei Querulanten im Internet einfuhr. Vor allem die Verwendung von Verbflexionen wie "Galle rönne" oder "Hut trüge" erinnerte mich stark an die Witzigkeiten eines Helge Schneiders, der auch mit einem ähnlichen Bariton Wörter mit seiner Stimme bespielt. Sowieso erschien mir dieser Mann als eine Verbindung aus den Herren Erhardt und Schneider, zumindest was Wortspielereien, Betonung und Aussprache anging. Die Texte aber waren höchst eigenwillig. Immer wieder wurden fratzenartige Abzüge der Gesellschaft gemacht, dann abgeschweift, dann fachgerechte und wissenschaftlich anmutenden Begrifflichkeiten eingestreut. Es entstand ein Brei aus Beobachtungen, Anekdoten und Gesellschaftsprügel, die meist in indirekter Form und mit Hilfe von Überspitzungen ausgeweidet wurde.

Die Texte ähnelten sich trotz ihres Facettenreichtums immer auf der Ebene, dass Sprache breitflächig benutzt wurde. Der Wortschatz dieses Mannes scheint deutlich über dem eines durchschnittlichen Menschen der BRD zu liegen. Goldt funktionierte hier auch durch die Präsentation seiner Werke, durch die gut geübte Vortragskraft in verschiedenen Stimmen und Lautstärken. Es war manchmal wie eine Inszenierung, und jede Rolle war auf die Spitze getrieben, dass ihr die Absonderlichkeit nur so aus den Ohren quoll. Man begriff die Menschen, die hier Skizziert wurden bald nicht mehr als normal, sondern als eine Aneinanderreihung von kleinen, detaillierten Freakshows. Querulanten fanden Eingang, Familienväter, Vertreter seltener Wissenschaften (Dampf), Hotelbesucher und weitere eigentlich als normale Charaktere gehandelte Personen. Überall gab es etwas, über das man Lachen konnte, aber das man auch als Abstoßend empfinden konnte, wenn man erkannte, welche Ausmaße menschliches Verhalten und Denken manchmal haben konnte. Verkommenes traf Extremes und wurde von Goldt in Prototypen gepresst.

Die Lesung/Inszenierung dauerte 120 Minuten. Ich fühlte mich gut unterhalten, war aber irgendwann auch froh, dass ich die einfach strukturierten Formulierungen meines Lebens zurückhatte. Ganz nach dem Motto: Schweigen ist Silber, Reden ist Goldt und unpassend modulierte Aphorismen ist Platin Baby.

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Maschinengedicht #2

Des Windes knapper Schein ist Mindestmaß bei tiefer Nacht,
und verfolgt etwas Unbekanntes, so schön wie der Stolz.
Des Fräuleins feuchter Trieb ist eine Hässlichkeit in dunklen Jahren,
und verfolgt ein Geheimnis, gar lüstern wie die Dämmerung.

Des Hasses klare Seele ist eine Mißgeburt in vollem Maße,
und macht sich ein Geheimnis, fast fröhlich wie der Horizont.
Des Hasses kurze Klarheit ist Unvernunft mit nichten,
und fordert eine Lüge, so vertrocknet wie der Tag.

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Maschinengedicht #1

Er ist bald draußen zu zweit.
Das Atmen so schmal auf einmal.
Sie mag es morgen am Klärwerk im Dunkeln.
Der Schein so brutal jetzt.
Er ist irgendwann irgendwo problematisch.
Die Brust so kurz auf einmal.
Es hat es morgen am Klärwerk allein.
Die Sonne so fade plötzlich.

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Großes COMEBACKE

Nach 4 Jahren Abstinenz und großer Depression kehre ich auf die Bühne zurück. Ich lese Geschichten über Menschen und treffe damit voll und ganz das aufgezwungene Thema: Idioten. Garantieren kann ich meine wunderbaren, zusammengewachsenen Augenbrauen, die Präsentation meines einstudierten Lachens und einen neuen Reim, wie ihn niemand zuvor gewagt hat. Ich kann nur empfehlen da hinzugehen. Hier gehts zum FB-Event:

Klangnachmittag

Sonntag 28.9. // Klunkerkranich
Ausstellungseröffnung: 14 Uhr
Programmstart: 15 Uhr drinnen, 16 Uhr draußen

Ich lese gegen 19 Uhr!

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Zwischenfall #34N29 – ein Polizeibericht

Es ist eine dieser hässlichen Szenen, die man aus dem Privatfernsehen kennt. Bälger plärren, verlassene Mütter vertiefen sich in philosophische Diskussionen und Basketballer stehen herum. Eine Frau ist besonders auffällig. Ihre Beine reichen ihr bis zu den Ohren hinauf und die kurze Hose ist fast nicht existent, so dass ein Stück ihrer Scham herauslugt. Man könnte leicht denken, dass es hier um Aufmerksamkeit geht wenn man vorbeiläuft. Eingepfercht auf engstem Raum träumen sie alle von ein bisschen Freiheit und der wärmenden Geborgenheit der Harmonie. Eine Gruppe Jugendlicher marschiert auf. Allesamt stark gebräunte, gutaussehende Jünglinge. Es ist der ›SV Modelagentur Arroganz‹ der hier sein Training bezieht. Jeden Tag um dieselbe Zeit, pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk strahlt Greifswald ein Stückchen heller. Was hier für ein Fußball gespielt wird ist kaum zu glauben. Die Giraffenbeinfrau schaut ungläubig und verliebt sich sofort in drei der Spieler, man ahnt, dass es nicht gut enden wird. Shakespeare sitzt auf einer goldenen Bank, beobachtet und nimmt Notiz für sein nächstes Werk.

Die Spielfelder der Gruppen überschneiden sich, es kommt zum Gerangel, Körperreibung entzündet einen Streit, die Frau rastet aus. „Fickt euch ihr Hurensöhne“ flüstert sie fast unbemerkt. Dann etwas lauter: „Der Platz ist für alle da!“ Beschwichtigend macht sich der Kapitän zu ihr ran. „Hören Sie junge Frau, wir trainieren hier jeden Tag, wir sind 10 Mann, Sie zu dritt.“ Plötzlich steht Renate Künast auf dem Spielfeld neben der Frau. „Wie reden Sie denn mit uns? Na hören Sie mal, diese Machogehabe. Hab ich doch gleich gemerkt. Nur weil wir zwei Brüste haben…Ihr glaub wohl ihr könnt euch alles erlauben, nur weil ihr Männer seid.“ Shakespeare gähnt laut hörbar. Vor 450 Jahren hatten die Frauen in seinen Werken noch mit Keulen aus Stahl gekämpft, heute war alles anders. Ein Kreis aus Schaulustigen hat sich mittlerweile gebildet. Die Mütter singen im großen Choral „Sexismus, Sexismus“. Die Szenerie ist wie aus einem Musical geschnitten und plötzlich schwebt über allem ›Jerome von Balottki‹ mit einem Heiligenschein und alles verstummt: „Hört Kinder, ich bin zu euch gekommen, einen Vorschlag zu machen. Wie wäre es mit einem Kompromiss?“ Shakespeare gähnt wieder und zeigt auf ein paar Obstkörbe. Ein Raunen geht durch die Menge und eine Sekunde später fliegen 12 Duzent faule Äpfel durch die Luft. Der heilige Jerome fällt herunter, den warnenden Finger noch erhoben zerschellt er auf dem weichen Granulat. Mann und Frau schauen sich an. Ein großes Lachen ertönt. Renate Künast verschwindet mit William auf dem Klosett. Die Giraffenfrau hat ihre Klauen eingefahren. „Tut mir leid“ sagt sie, „ich hätte die Sexismuskeule nicht schwingen dürfen. Eigentlich würde ich auch lieber Fußball spielen. Basketball ist so öde.“

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Speisereis Teil I

Ich dachte mir als rechtsschaffender Greifswalder ist es angebracht seine Stadt zu kennen. Da ich in Teilzeit auch gerne Journalist genannt werde und von den Moritzmedien mit dem Jugendpreis des "freischaffenden Literaten" ausgestattet wurde, ist es an der Zeit eine Maske der Arroganz aufzusetzen, deren äußerste Schale mein innerstes Selbst ist.

Wer mich kennt, der weiß, dass ich gern vegan speise, rundherum gesund und knackig. Ich möchte daher diesen ersten Bericht meiner Reise Speisereis nennen, da Reis eine vegane Speise darstellt, die mir sehr mundet. Vor kurzem beschloss ich meinem innersten Trieb nachzukommen und damit das vegetarische Restaurante, manch feiner abgehobener Herr möchte es auch Etablissement nennen, namens Bommelz. Der Name setzt sich in kreativer Form aus dem Nachnamen des früheren niederländischen Nationalspielers Mark van Bommel, der auch eine Zeit lang mit der Inhaberin dieses Bistros liiert war, und dem vor allem in der Jugendsprache hochaktuellen Wort "Abstinenz" zusammen, von dem allerdings nur das z am Wortende angebracht wurde. Die Semantik dieser Verbindung erklärte mir ein Stammgast folgendermaßen: "Also weißt du, der van Bommel, der Mark, der aß so gerne Fleisch. Rind, Huhn, Schwein, kam ihm alles in die Küche rein und als er sich dann von der Inhaberin getrennt hat, da schwor sie sich, dem Fleisch augenblicklich Lebewohl zu sagen. Um es kurz zu machen: Fleischabstinenz!"

Man sieht das Lokal schon von Ferne wenn man durch die Steinbeckerstraße läuft. Eine Bierbank und ein runder Tisch locken die Gäste, um auf der Straße dem tristen, grauen Greifswalder Leben für einen Moment den Rücken zu kehren. Ein kleiner Hund, der mehr Eigenschaften von einem Reh zu besitzen scheint, bewacht die Eingangspforte. Auch er ist Vegetarier, in seinem Napf kann ich einen weichen Brei aus Linsen und Mais ausmachen. "Stoppt Monsanto" steht in einer Leuchtreklame über dem Eingang.

Ich trete herein und eine andere Welt empfängt mich. Das Ikuwo möchte man erst denken, aber heller und wo ist die Tischtennisplatte? Flache Tische und Stühle stehen im Raum verteilt, man sieht, dass die Besitzerin gastronomisch ausgebildet wurde, denn das ganze scheint eine Art Komposition aus bunten Farben der Stuhlbezüge zu sein, die in Verbindung mit der wunderbaren Beleuchtung eine fast kosmische Stimmung erzeugen. Einige nicht identifizierbare Pflanzen stehen herum: gerade sehe ich wie eine einer Libelle den Kopf abbeist. Dann ist da der Tresen, ein riesiger Raumteiler, an die 2 Meter hoch, selbst ich als großgewachsener Lulatsch kann kaum herüberblicken. Eine junge Frau sagt hallo, ich bestelle. Einmal CrepeZ und einen Bürger. Ich warte dann draußen an der Bierbank. Eine Stammgästin nickt mir freundlich zu und ihre kurzgeschorene, emanzipatorisch wertvolle Haarfrisur wackelt leicht hin und her. Ich schlürfe an meiner rotbraunen Limonade für 7€. Das Geld, wenn es nicht wäre, ach die Welt wäre gut. Ich sehe wieder das Monsantoschild und muss fast erbrechen, als ich an den genverdorbenen Mais denke, der wohl gerade dem RehHund den Krebs in die Organe treibt. Ein Fahrradfahrer fährt über das Kopfsteinpflaster vorbei und ich genieße den Sound einer Großstadt, das Stöckeln von Hackenschuhen einer jungen Frau. Ein bisschen fühle ich mich hier wie in Kreuzberg, wo ich so gern auf der Straße saß und mir einen Börek mit Hack und Schafskäse bekommen ließ. Ich beneide die Leute hier um ihre Einstellung.

Mein Blick gleitet immer wieder zum nicht weit entfernten Grillschwien herüber, von dem ein Duft von Braten und Currysoße herüberweht. Es ist nicht leicht als Vegetarier in Greifswald. Überall wird man mit Billigangeboten von Fleisch überhäuft und wenn Freunde aus Berlin da sind gibt es immer eine riesen Lästerei. "Gibt ja nicht mal Salat hier im Netto" und so Sachen bekomme ich zu hören. Es stört mich. Aber nun gibt es das Bommelz. Während ich in den gut gefühlten Burger beiße weiß ich wieder, dass alles gut werden wird.

Fazit: Wer wie ich auf den Sound der Natur im Gaumen nicht verzichten mag und dem Großkonzern Monsanto kein Geld mehr in die Tasche spielen will, der ist hier genau richtig. Das frische Gemüse, welches im eigenen Garten auf dem Hinterhof geerntet wird verleiht den Speisen einen Touch der Unendlichkeit, das Gefühl einer Rückkehr in eine lang verlassene Heimat. Der Brei der Bürgerplatte mag zwar etwas fade und undefinierbar sein, ist aber dennoch eine Kostprobe wert und füllt den Magen eine gute Stunde. Die CrepeZ sind ihres Namens würdig, auch hier wird komplett auf Fleisch verzichtet. Die Nutella im Inneren sorgt für einen sehr vollen Geschmack und einen runden Abgang.

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Güllene Reeperbahn

Ich finde Hamburg ganz anständig. Bin jetzt grad 3 Tage da. Wo ich wohne? Direkt an der Reeperbahn, kein ruhiges Viertel. Die Leute haben Lust zu feiern, selbst mittags, wenn man sich gerade erst aus seiner Daunendecke geschält hat. Der Weg zum Lidl ist ruhig auf den ersten zwei Dritteln. Normale Großstadtblocks aus Alt und Neubaumischung. Dann trifft man auf die allseits berüchtigte Bahn der Huren und Nutten. Links ein Lokal, Rechts ein Shop, in dem man sich für die verrückte Partynacht ausrüsten kann. Die meisten tragen die Haare Neon in diesen Stunden, es ist die Farbe des Moments, eine Perücke kostet 7 Euro. Dem gegenüber die große Freiheit. Hier schalt es bei Nacht besonders laut. Schallen tut es sowieso überall. Der Mensch ist hier besoffen, das ist so, egal zu welcher Zeit, nur die Angestellten scheinen verbündete zu sein, wenn der Griff zur Flasche einmal verwehrt geblieben ist.

Dann kommt der Lidl, gleich Links, weiter entfernt von der S-Bahnstation. Unter einer Fassade aus grauem Dreck und einem zu Normalität gewordenen Bauzaun öffnet sich die kleine gelb-blaue Spelunke, ein Ort an dem die Preise gewohnt sind, das Hefe kostet 35 Cent und auch sonst ist alles üblich. Natürlich befindet sich hier mehr Abschaum: Outdoor-Alkoholiker, deren Schatten die Pfandnascher und ein Heer an Proleten, meist männlich, die mit für sie berüchtigter Manier ein ums andere Fass heraustragen. Es riecht trotzdem gar nicht übel, die Regale sind geordnet, ein Sicherheitsmann achtet auf seinen Laden. Ich möchte mir nicht vorstellen, was eine Kassiererin in diesen Breiten so alles zu hören bekommt, das meiste ist wohl gar nicht verständlich, da nur ein Lallen. Wenn man dort wieder hinaustritt und durch eine kleine Unterführung geht kommt man zu einem weiteren Lokal. Es ist so eine Cocktailstube, ich habe sie mir gar nicht genau angesehen, aber das Bild der Gesamten Reeperbahn hat sich auch hier niedergeschlagen, die Nutten mittendrin, mit ihren Nylonstiefeletten, fest bis oben zugeschnürt, eine hässlicher als die andere und unendlich verbraucht, man könnte fast annehmen, der dünne Stoff, der ihre Haut verdeckt ist noch alles was sie zusammenhält. Naja, eine Geschichte für sich sicherlich.

An der Kreuzung ein Klosett für Herren. Zwei Wände und eine Pissrinne, der Uringestank weht bis zu den Sitzreihen vor der Cocktailbar, wo er sich mit den Fahnen der Anwesenden vermischt und zu einem undefinierbaren Dunst aus Abartigkeit verkommt. Inmitten der Klappbänke steht ein Clown, er sticht kaum heraus, die Nase rot, die Haare Kraus, aber irgendwie sehen auch alle so hier aus, vielleicht auch wegen der Veranstaltung. Der Alltag, wenn es denn so etwas gibt, ist heute von einer besonderen Gegebenheit durchbrochen, es herrscht der Schlager-Move auf den Straßen. Bunte Wagen mit riesigen Soundanlagen fahren vorbei, dicht befüllt mit noch bunterem Partyvolk. 29€ kostet diese Zweistündige Fahrt einmal die Straße hinauf. Der Lärm ist Ohrenbetäubend, mancher Bass lässt fast die plastenen Sektgläser zerspringen, die hier am Rand sehr in Mode sind. Sekt und Mischbier, billiger Fusel, hier mit dem Besonderen Umstand angereichert und deshalb dreimal so teuer. Aber es verkauft sich. Solang der Mensch trinkt besinnt er sich nicht auf sein Portmonee.

Die Wagen sind nichts als umgebaute Lastwagen, die Ladefläche ist nur bis zur hälfte Aufgebaut und die Menschen darin befinden sich wie Schweine in ihrem Gatter, nur mit dem Unterschied, dass sie Wenke Myhre und Wolfgang Petry hören, anstatt zu Grunzen. Naja vielleicht tun sie das auch. Neben der grandiosen Alkoholvöllerei betreibt die Masse gleichzeitig ein riesiges lüsternes Spiel, das beinhaltet, dass verschiedene Zungen verschiedene Münder von Innen abgetastet haben müssen. Das Ganze sieht von außen, so gänzlich nüchtern (es ist 14 Uhr), recht sonderbar aus, vergleichbar vielleicht mit Vogeleltern, die ihre Jungen füttern. Man kennt das aus der Schule.

Wenn man dann weitergeht, über die Kreuzung und noch eine Ampel entfernter, dann wird es gleich viel ruhiger. Die Straßen sind fast unbelebt, der Spaßmagnet hat die Menschen von ihr fortgezogen, oder hier leben tatsächlich Menschen, die etwas anderes zu tun haben. Vielleicht sind es auch die ganzen Nutten, die jetzt gerade ihren Dienst schieben. Das Viertel der Begierde scheint in alle Richtungen augenblicklich abzunehmen, das ganze ist wie ein Ring von Straßen und Biegungen, den man entlang gehen kann ohne belästigt zu werden. Kein Schall oder aufgedrängt Liebesdienste. Die Straßen sind auch gewöhnlich, sauber, vielleicht sogar absonderlich still, wenige Läden, wenig Menschen, wie eine Bufferzone für den lautesten Bezirk der Stadt. Man kann sich vorstellen hier zu wohnen. Man kann sich vorstellen drüben beim Aldi einkaufen zu gehen. Gleich hier ums Eck bietet sich wieder ein anderes Bild. Dieser Bezirk scheint aus verschiedenen kleinen Puzzleteilen zu bestehen, die relativ abgetrennt voneinander zusammen doch ein passendes Gesamtbild ergeben. Hier an diesem kleinen Platz, man kann es eigentlich kaum so nennen, denn es ist eher eine abgeschiedene Kreuzung, die den Fußgängern gehört, spielt eine andere Musik. Die Lokale sind etwas feiner, Stuck an den Decken, dezent eingerichtet, nicht so prall und bunt wie vorn auf der Bahn. Viel Holz, wenig Gold, einfache Theken. In so einen Laden bin ich dann auch gegangen. Augenblicklich hatte ich die alten Bilder aus Berlin wieder im Kopf, Rosenthaler Platz, das könnte man vergleichen. Szenische Leute, mit halben Schnurrbärten und den karierten Hemden und einfachen Hosen, in braun und schwarz, selten Jeansträger. Oberflächlich betrachtet könnte man die Personen hier wohl mit denen aus Berlin austauschen, ohne dass es groß auffallen würde. Da ich niemanden persönlich kennenlernte an diesem Tag kann ich mir einen anderen Ausblick auch nicht ermöglichen, zu sagen ist aber sicherlich, dass mein Interesse durch den Anblick dieser Menschen nicht sonderlich gesteigert wurde. Es kam mir vor, als würden die hier Anwesenden sich für etwas Besonderes halten und das konnte ich partout nicht leiden. Witzig, dass mir ebensolche Arroganz selbst oft nachgesagt wird.

Ich trank also ein gutes, weil kühles, blondes Hefe. Der große Raum war mit Hilfe verschiedenerer Sitzecken in kleine Bereiche aufgeteilt. In jedem einzelnen hätte sich wohl eine stets eigene Welt geöffnet wenn ich gelauscht hätte, aber ich war auf den Blick durch die Frontscheibe konzentriert. Gegenüber hatte ich einen Italiener entdeckt, dessen Kochkunst ich gern an meinen Gaumen geführt hätte, aber dazu fehlte mir leider das Kleingeld. Sowieso war hier alles relativ teuer, bis auf den Lidl, den ich am nächsten Morgen wieder aufsuchen sollte. Diesmal war alles anders. Die neue Woche war angebrochen, der Montag kroch in die Straßen und als ich mich gegen 10 auf den Weg machte fand ich ein anderes Bild vor. Die Reeperbahn war fast leer. Die Straßen waren erstaunlich sauber, nur vereinzelt befanden sich kleine Haufen zusammengekehrten Drecks. Natürlich hatten auch die Lokale geschlossen, die schmalen Biergärten auf der Fußgängerzone trauerten den vergangenen Stunden hinterher, in denen ihnen der Lebenssinn von einer Stange Menschen innegewohnt hatte. Auch die Souvenirläden hielten ihre Türen noch verschlossen, das Gesocks an Nutten war verschwunden und sogar die Luft war frisch und hatte zu diesem Zeitpunkt einen Alkoholgehalt von 0%. Im Lidl bot sich ein ähnlich stilles Bild. Leere Gänge und eine einzige Kassiererin, die nichts zu tun hatte, aber von einer Pause absehen musste, damit sich das unmenschliche Hamsterrad, in dem sie sich befand, weiterdrehte. Ich nahm einige Schrippen zur Hand und zahlte. Was für ein Bezirk dachte ich, mehr als drei Gesichter und dann war ihr Hauptantlitz noch bipolar wandelbar.

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Immer wieder Rudi

Rudolf steht mal wieder am Herd. Es köchelt. Nichts großes, eine kleine Soße, neun Zutaten, fertig. Dazu ein gutes Glas Nudeln. Zimmertemperatur wie sich versteht. Gestern Diagnose Laktoseintoleranz, heute Lactoseintoleranzignoranz. Deftig Sahne reingießen, ein bisschen Kondensmilch noch dazu und oben drüber statt Parmesan eine Prise Molkenpulver. Voila, bon appetito, wie der Russe sagt. Dem Tod ein Schnippchen schlagen und die Unverträglichkeit ertragen. Vertragen wäre zu viel gesagt. Rudolf weiß, dass ihn diese Krankheit nicht umbringen wird. Aber verdammt. Noch mehr Zeit im Supermarkt verbringen. Er studiert jetzt Etiketten. - Oder pegelt sich das ein? Die Fragen, die sich ihm stellen sind styler. Er ist es und wird es bleiben. Undercut 19%, ganz frisch, ganz neu. Manche geben mit 35% an, aber Rudi hat 19. Das ist krass, das traut sich keiner.

2012 wurde er zum mutigsten Mann Deutschlands gewählt. Den Titel erhielt er nicht einfach so. Er hat mit Nadja Benaissa verkehrt, auf einem Bett aus Rasierklingen geschlafen und an einer Demo gegen Nazis teilgenommen. Er hat in 2 Stunden 48 Minuten die Spree (Berlin) durchschwommen, ist danach zu Burger King und hat sich 23 Cheeseburger reingezogen, dabei trug er ein Schild auf dem stand: „Ich bitte jeden darum, der Aggression verspürt, dass er seine Wut in meine Visage führt.“

Wenig später durfte er bei der Eishockey-WM für Österreich spielen. Er war Goalie. Hat gut gespielt, ganz ohne Schutzkleidung, 27 Knochenbrüche, aber was solls. Sotschi – 10.Platz. Das ist nicht zu verachten. Jetzt steht er am Herd. Die Soße ist gleich fertig. Soll er‘s nochmal wagen? ›Scheiß drauf‹ nuschelt er und wirft alles in eine riesige Schale. Was sind schon Magenkrämpfe. Dann schlingt er alles hinunter. Er muss sich beeilen. Heute Abend ist große Greifswalder Fight Night. Sein Gegner wird hart zuschlagen. Yakov Klitschko, ganz neu im Geschäft, der Sohn vom Vitali. Aber Rudolf weiß: Sein Willen ist härter.

geschrieben am 08.Mai 2014

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Auftritte April und Mai

Es war vor drei Wochen, in einer atemlosen Nacht mit Helene Fischer, als ich mir vornahm diesen Frühling mal wieder in Greifswald auf eine Bühne zu steigen, um mein ärmliches Taschengeld aufzubessern. Mein neues Programm: "Krebsgang nach Rom" ist fertig und muss erprobt werden, bevor ich damit ins Exil gehe. Wer die schlecht vorgetragenen und auf der Wortebene dünn besetzen Texte von vornherein für gut befindet, ohne sie zu kennen, der merke sich folgende Termine und komme wenn möglich und kein Fußball läuft da hin:

Mittwoch, der 15.April
SimsalaSlam in der Polly, Verteidigung des 7.Platzes, Gage: 200€, Eintritt: 3€

Montag, der 28.April
OpenMic im Koeppen, Jeder liest was der Rezipient verdient, Gage: 1€, Eintritt: frei

Donnerstag, der 01.Mai
PoetrySlam am Hafen, großes Brimborium, Gage: 1200€

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Klangnacht Vol.10

Nach dem durchaus erfolglosen Auftritt beim Greifswalder Poetry-Slam Ende Januar, folgt nun ein weiterer Gang auf die Bühne, diesmal in Berlin im Freudenreich, was mir gut tun wird, da ich daran arm bin.

Die Thematik: "Hochmut kommt vor dem Fall der Mauer" wird dabei nicht nur von mir, sondern auch von meinem sehr guten Kollegen "Fritz Messer" belesen werden. Ich freue mich vage und hoffe es wird kein Auftritt ins Fettnäpfchen.

Samstagabend, am 22.Märze, im Freudenreich.
Eintritt 3€, oder 3 Cheeseburger, wie der Berliner rechnet.

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Kleine Öde an die Leipziger Buchmesse

Lauernd steht die Masse von Verlagen,
cheek to cheek, wie die Engländer sagen,
Das Gedränge ist groß, die Hoffnung doch klein,
"Ja welches der Bücher darf es denn sein?"

Ich breche vor Menschen, ein Ameisenhaufen,
ein teuflisch Gewusel, man kann gar nicht laufen,
denn das Bein es lahmt,
es lahmt bei all den alten,
aber sie wollen noch nicht abschalten,
nochmal jung sein, ein letztes Mal zur Messe hin,
und ich fühl mich, als wenn ich zurück im Altenheim bin.
Aber auch die Messe ist alt, hier traut sich keiner was,
Abwesenheit der Großen, somit Günter Grass.

Und die Messe ist fad, oder besser öde,
aber die Kassen klingeln trotzdem wie blöde,
die Literaten sitzen in der hellen Halle,
ihre ältlichen Stimmen ganz dünn nur, nicht pralle,
ein Zwitschern, wie Vögel mehr ist es nicht,
Niemand da, der etwas Interessantes spricht,
"Machs doch besser" starrt es auch düsteren Mündern,
"Halt deine Fresse, du Jungspund, du Rüpel,
Du willst doch hier nur plündern"
Und in mir tobt der lyrische Krüppel.

Wenn das mein Futur ist, ach Gott,
da möcht ich Literat nicht sein,
dann lieber bankrott,

und Exitus durch Nierenstein.

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